Ein kleines Interview mit dem Wikidata-Entwickler Jens Ohlig

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Was ist Wikidata?

Wikidata ist ein Projekt zum Aufbau einer freien Wissensdatenbank im Internet, ähnlich wie Wikipedia ein Projekt zum Aufbau einer freien Enzyklopädie ist. Beide Projekte werden auch von der Wikimedia Foundation betrieben. Das deutsche Chapter Wikimedia Deutschland e.V. beherbergt in seinen Räumen hier in Berlin-Kreuzberg das Entwicklungsteam für die ersten Phasen der Softwareentwicklung bei Wikidata.

In der Wikipedia gibt es jede Menge Zahlen und Daten, etwa die Einwohnerzahl von Berlin, die per Hand in die deutschsprachige, englisch oder chinesische Wikipedia eingetragen werden. Insgesamt gibt es etwa 300 Sprachversionen von Wikipedia, wenn sie sich alle aus einer gemeinsamen Datenquelle, also einer Datenbank für strukturierte Daten, bedienen könnten, wäre allen geholfen. Später könnte man auf das Datenwissen der Welt dann auch strukturierte Abfragen machen. Genau das ist der Plan hinter dem Projekt Wikidata.

Wer bist du?

Ich heisse Jens, ich bin Softwareentwickler, aber auch schon immer an netzpolitischen Themen interessiert. Als es die Chance gab, in einem internationalen Team für ein Jahr an Wikidata zu arbeiten, habe ich mich spontan beworben, denn Software zu schrieben, die die Welt verbessert durch freies Wissen und Kollaboration und gleichzeitig an der viertgrößten Webseite der Welt zu arbeiten (Wikipedia) klang nach einem ziemlichen Traumjob.

Wie wurde das Projekt finanziert?

Wikidata ist freie Software. Die erste Phase der Programmierung wurde durch eine Großspende des Allen Institute for Artificial Intelligence, der Gordon and Betty Moore Foundation und der Google Inc. mit insgesamt 1,3 Millionen Euro finanziert. Danach wird das Projekt von Freiwilligen weitergeführt. Auch die Befüllung der Datenbank erfolgt durch Freiwillige aus der ganzen Welt, auch wenn es sicher große „Datenspenden“ von Bibliotheken oder statistischen Ämtern geben wird.

Wie geht’s jetzt weiter?

Wikidata ist das erste neue Projekt der Wikimedia Foundation seit 6 Jahren. In dem Jahr, in dem wir an den Grundsteinen gearbeitet haben, haben wir unsere Ziele erreicht. Mittlerweile kommen z.B. bei einigen Wikipedias die Links auf die verschiedenen Sprachversionen ganz selbstverständlich aus dem Datenfundus von Wikidata. Die ungarische, hebräische und italienische Wikipedia sind bereits umgestellt, alle anderen werden in den nächsten Tagen folgen. Es bleibt spannend und in gewisser Weise beginnt mit der Befüllung der Datenbank jetzt erst die eigentliche Arbeit an diesem kollaborativen Projekt, auch wenn unsere Arbeit als Softwareentwickler getan ist. Für mich war das sicher eins der aufregendesten Jahre in meiner Zeit als Programmierer.

von Realtin Verschlagwortet mit

Creative Commons im Theater 2.0

Am 31.1. bist zum 3.2. 2013 verwandelte sich der Berliner Hackerspace c-base im Rahmen der transmediale in eine Theaterbühne, auf der eine gemischte Gruppe von ausgebildeten Schauspielerinnen und Schauspielern und Laien auftraten.

Gespielt wurde eine Theateradaption von „When Sysadmins Ruled the Earth“, eine postapokalyptische Science Fiction-Kurzgeschichte von des kanadischen Bloggers, Netzaktivisten und Romanautor Cory Doctorow.
Die Handlung ist rasch erzählt: Der aufstrebende Systemadministrator Felix wird mitten in der Nacht zu einem Notfall ins Datenzentrum gerufen – um mal wieder die IT-Probleme anderer Leute zu lösen. Doch diesmal ist alles anders: Ein heftiger Virenangriff hat alle großen Provider lahmgelegt, der Netzverkehr ist größtenteils zusammengebrochen. Ein Angriff, der sich in seinen katastrophalen Ausmaßen, wie sich schnell herausstellt, nicht nur auf die virtuelle Welt beschränkt.

Interessant wird die Umsetzung der Kurzgeschichte in ein Theaterstück dadurch, dass Doctorow seine Werke unter einer Creative Commons-Lizenz veröffentlicht, die im Gegensatz zu restriktiven Urhberrechts- und Vermarktungsmodellen eine freie Verbreitung, Kopie und Bearbeitung erlaubt, ohne Erlaubnisse mit einem Verlag aushandeln zu müssen. „Durchaus beispielhaft vielleicht auch für die Theaterwelt“ befand die Sendung „Breitband“ im Deutschlandradio Kultur.

Das Anliegen, das über das Theaterspiel hinausgeht, fasste ein Mitglied der Theatergruppe wie folgt zusammen:

„Dankenswerterweise gehört Cory Doctorows Kurzgeschichte “When Sysadmins Ruled the Earth” aus der Sammlung “Overclocked” zu den Werken, die in der Gegenwart schon einen Ausblick auf eine mögliche Zukunft menschlicher Kultur gewähren. Stellen wir uns eine Welt vor, in der Kunstwerke jedem frei zugänglich sind und benutzt oder angepasst werden können: Genau das ermöglicht die Tatsache, dass die Geschichte unter einer Creative Commons License veröffentlicht wurde, anstatt sie mit restriktiven Verwertungsrechten unzugänglich zu vermarkten. Wir haben die Kurzgeschichte übersetzt und in ein Theaterstück umgewandelt sowie eigene Szenen eingefügt. Welche juristischen Handstände auf einem Flaschenhals unsere Bearbeitung bei einem herkömmlichen Theaterverlag bedeutet hätte, möchten wir uns lieber nicht vorstellen. Vermutlich wäre die Geschichte gar nicht auf die Bühne gekommen, wenn wir alle Einzelheiten mit Cory Doctorow oder seinem Verlag hätten aushandeln müssen. So konnten wir ein neues Werk erstellen, das auf einem anderen Werk aufbaut. Die Welt ist ein bisschen reicher geworden. Kultur ist Remix: Daran hat sich vermutlich seit dem ersten Höhlenbild, das von einem anderen inspiriert wurde, nichts geändert.“

Obwohl das Stehen auf den Schultern von Riesen, die Neuinterpretation und der Remix zu den ältesten Grundlagen menschlichen Kulturschaffens gehören, brauchte es bis zum Jahr 2001, in dem der Harvard-Professor Lawrence Lessig zusammen mit Aktivisten im Copyrightbereich eine Sammlung von Lizenzen und Tools zusammenstellte, um das Teilen im Internet auf juristisch sichere Füße zu stellen. Creative Commons hat dazu geführt, dass es die Kurzgeschichte von Doctorow als Comic, Hörspiel und jetzt als Theaterstück gibt. Restriktive Anwendung von Urhberrecht im Internet wie durch die Gema hat in Deutschland zu massenhaften Einblendungen von „… ist in deinem Land nicht verfügbar“ gesorgt. Welche der beiden Modelle die kulturelle Welt reicher macht, sollte auf der Hand liegen.

Postprivacy

Das Leben ohne Internet ist kaum noch möglich. Es werden immer größere Bereiche des Lebens in das Netz eingebaut. Um ein funktionierendes Mitglied in der Gesellschaft zusein ist es also unumgänglich, sich durch das Internet zu bewegen. Die Menschen haben angefangen nahezu alles im Netz von sich preis zu geben. Es gibt kaum noch Geheimnisse. Ob sexuelle Präferenzen oder Lieblingskinoheld, mit nur wenig Anstrengung kann man beinahe alles über einen heraus finden.

Es wird als wichtig empfunden, sich zu präsentieren und gegenüber anderen Menschen interessant zumachen, um mit Gleichgesinnten in Kontakt zu kommen. Wer sich ausserhalb der “Norm” bewegt, muss keine Ausgrenzung der Gesellschaft mehr fürchten. Denn im Internet kann man sich die passende Gesellschaft selbst aussuchen.

Was kommt nach der Privatheit?

Der Begriff Postprivacy wurde von Christian Heller zum ersten mal 2007 in seinem Blog beschrieben. Diskussionen über den Verlust der Privatsphäre durch den Überwachungstaat und das Internet warfen für Heller die Frage auf, ob es nicht auch eine “positive Überwindung von Privatheit” gäben könnte.

Postprivacy ist also ersteinmal nur eine Diagnose, ein Aufruf zur Diskussion.

Viele unserer Forderungen und Vorstellung an die Privatsphäre stammen noch aus der analogen Welt und passen nicht mehr in unser digitales Zeitalter. (Seemann) Das der Wegfall von privaten Räumen auch Gutes und Freiheit bedeuten kann, zeigte zum Beispiel die Homosexuellenbewegung. Je offener alle Menschen werden, umso weniger  Diskriminierung wird es geben, so sieht die utopische Wunschvorstellung der Postprivacy-Anhänger an die Gesellschaft aus. (Schramm) Denn ohne eine reformierte Gesellschaft in der Staaten, Menschen nicht mehr wegen ihrer Meinungen verfolgen, sich niemand mehr an den sexuellen Präferenzen anderer stört und Party-Trinkbilder im Internet nicht mehr als soziales Stigma angesehen werden, wird es diese “positive” privatsphärenfreie Welt niemals geben.